WILLY am Boden
KN 19.02.2002
Vom Nachmittag eines Bodenlegers
Joerg Willy Wentorf kunstfertig demonstrativ in der Hellen
Zelle
Künstlername: JWENTORF schnittige Kurzform von Joerg
Wentorf. Manchmal nennt er sich auch nur WILLY . Unter beiden Namen tritt er
auf: als Model, als Künstler, manchmal als Dienstleister. Ich bin Bodenleger.
„Und diese Arbeit ist eine Kunstarbeit" , sagt Joerg Willy Wentorf. Was
Kunst ausmacht, muß er wissen, er studierte bis zum Diplom an der
Muthesius-hochschule. Willy am Boden nennt er seine Installation in der Hellen
Zelle, die beweist, das Kunst und Kommerz dicht beieinander liegen. Die Idee
entstand im Vorjahr während der Konsumenta am Dreiecksplatz, bei der er mit
einer Arbeit vertreten war. Damals ging es (auch) darum, leerstehende Geschäftsräume
für die Kunst zu nutzen. Die Helle Zelle, ehemals Geschäftsraum und seither
Herberge für die Kunst, wird für die dauer seiner Schau ihrer ursprünglichen
Nutzung zugeführt. Irgendwie jedenfalls. "Bodenlegerladen" steht in
silbrigen Lettern auf der Schaufensterscheibe zu lesen. Im Inneren ein
Schreibtisch nebst Computer, dahinter ein bequemer Sessel für den Chef.
Allein die Wanddekoration unterscheidet das bewußt „sehr
privat“ hergerichtete Interieur von einem stinknormalen Büro. Ein riesiges, vom
PC bearbeitetes Foto im Hintergrund zeigt schemenhaft verzerrt die lachenden
Gesichter von Bodenleger-Willy und seiner Freundin. Horizontal durchschnitten
wird das Bild von einer Reihe identischer, quadratischer Holzschatullen aus
Parkettstäbchen, die Werbung machen für des Meisters Kunstfertigkeit. Auf einem
Monitor flimmert ein Film vom Kieler Helmut Schulzeck, der dem Bodenleger bei
der Arbeit zugeschaut hat. Da sehen wir ihn, den Willy am Boden: Stück für
Stück reiht er Laminat-Teile aneinander, sägt und klebt. „Mich interessiert das
Serielle dieser Arbeit“, sagt Wentorf. „In der Monotonie dieser Tätigkeit liegt
für mich eine Entspannung, die beinahe schon etwas Meditatives hat.“ Wochentags
von 17 bis 18 Uhr wird er selbst vor Ort sein: für Gespräche über die Kunst im
Allgemeinen und Bodenlegearbeiten im Besonderen.
Sth
Helle Zelle. Bis 3. März
WILLY geht mit
Die Kunst des Alltäglichen
Ein Mann wartet vor dem "Brücke"-Kino. Die
Rathausuhr schlägt Zehn. Mit einer lindgrünen Wolljacke bekleidet atmet er
blauen Dunst aus, blinzelt in die Morgensonne, um seine Beine streift unruhig
Leila, der Collie-Mix, bereit zum Abmarsch. Für einen Fördespaziergang ist er
gebucht. Sein Date kommt zu spät, doch Willy geht mit.
Wir gehen an der Stena-Line vorbei Richtung Ostseekai. Zum
Rasieren sei er heute morgen nicht gekommen, entschuldigt sich Aktionskünstler
Willy alias Jörg Wentorf. Macht nichts. Leila dreht sich um, hechelt und
stolziert weiter vor unseren Beinen her. "Es kann ganz alltäglich
sein", lächelt Willy versonnen, "wir gehen und die Kunst ist dabei".
Willy kann man buchen. Eine Woche lang, zu zweit oder zu
dritt, rund um die Uhr und kostenlos steht er Interessierten zur Verfügung, zu
fast allen Schandtaten bereit. Als Möbelpacker ließe er sich nicht einspannen,
zu einem Wochenendeinkauf schon eher hinreißen. Für vergnügliche Dinge ist er
zu haben und gespannt auf die Ideen der Leute, ihre unterschiedlichen
Charaktere. "Eine Art Begleitservice" bezeichnet Wentorf seine Aktion
Willy geht mit. Zögerlich beschreibt er die Kontaktaufnahme der Anrufer zu ihm.
"Sie machen Vorschläge, fragen, ob ich lieber ins Kaffee oder zum Shoppen
möchte", gesteht er, dabei sollen die Leute selbst entscheiden, was sie
mit ihm unternehmen wollen. Seine einzige Antwort dann: Ich geh mit. Zahlreiche
Anfragen habe er in den letzten 24 Stunden erhalten: Ein Herr braucht ihn zum
Klamottenkauf, eine Künstlerin plant Willy für eine Überraschungsaktion in der
Uni-Mensa ein. "Oft wollen die Leute auch etwas zeigen", skizziert
Willy die Vorhaben seiner Klienten. Ein Musiker hat vorgeschlagen ein Portrait
von Willy zu malen am Freitagabend. Nicht einfach ist es da, die Termine im
Überblick zu behalten. Auf einem Din-A4 Zettel sind alle Anrufe und Mails zu
seiner Aktion festgehalten, dokumentiert in Tagebuchform. Willy zieht eine
Zigarrette aus der Schachtel, entfernt den Filter und zückt sein Handy, eine
Terminkollision ist noch zu begleichen. Ein Anruf bei Susi und alles ist wieder
im Lot, er trifft sie in zwei Stunden.
Weiterschlendern Richtung Kiellinie. Wo liegt der
künstlerische Reiz der Aktion? "Willy ist eine Kunstfigur", so
Wentorf "Dinge, die sonst nicht möglich sind, kann ich dadurch machen und
gleichzeitig bin ich immer real". Es ist ein Experiment, eine Art Fiktion
in der Realität. Vor Jahren habe er sich entschlossen, einfach das zu tun,
worauf er Lust hat und er ist vor allem neugierig auf alles Neue und Fremde
und die Reaktionen der Leute. "Die Neugier spielt mit, und ich spiele mit
der Neugier". Dass Willy enorm kontaktfreudig ist, braucht er da nicht
eigens zu unterstreichen. Unterhaltsam sind die kleinen Plauschereien
Alltägliches. Willy hört aufmerksam zu, antwortet mit seiner fast meditativen
Stimme, ist dabei und doch nicht aufdringlich, bis die zwei Stunden auch schon
vorüber sind. "Den ganzen Tag zur Stelle sein, rund um die Uhr das ist
natürlich hart, aber auch eine persönliche Herausforderung", gesteht
Willy. Ein unverbindlich-freundlicher Händedruck, und schon eilt Willy zum
nächsten Termin.
Nadja Kerschkewicz
Aktion bis 30. März, nach Absprache unter Tel. 0160/5988290
oder E-Mail (ichgehmit@freenet.de)
WILLY unterwegs
Fahrten durch die Gegend
Aktionskünstler Willy will die Kieler Woche für
Transparenzen nutzen
Am kommenden Sonntag fährt Willy los. Um Punkt 15 Uhr hält
er mit seinem Kleinbus auf dem Wilhelmplatz vor dem Sozialamt, der Platz für
neun Mitfahrer hat. Jeden Tag während der Kieler Woche. Eine Stunde lang will
Willy unterwegs sein. Die Fahrt ist kostenlos und führt zu Ateliers,
Ausstellungsräumen und Wohnhäusern von Kieler Künstlern. Doch wenn Willy
ankommt, vielleicht bei Katrin Schmidbauer oder bei Nana Schulz, hält er nicht
an. "Wenn jemand vorbeikommt oder aus dem Fenster schaut, dann winke ich
vielleicht", sagt Willy, "und fahre weiter".
Sieben Adressen will Willy während der Tour abfahren.
"Ich will den Leuten zeigen, wo die Künstler leben und arbeiten",
sagt Willy. Gleichsam als Beleg dafür, dass sich hinter den Namenund Werken,
die uns in Galerien und Museen begegnen Menschen verbergen: Die Künstler seien
ja unter uns. Im Auto, sagt Willy, werde dann auch Material über die Künstler
ausliegen. Wer mag, könne ja später Kontakt aufnehmen. Ein Kunstführer durch
Ateliers will Willy nicht sein. "Ich fahre ja nur vorbei. Ich tue das, was
viele andere auch tun, ich fahre durch die Gegend." Das Auto, gesponsert
von der Firma Fiat Harm in Neumünster, hat ein Paket auf dem Dach, das den
Schriftzug "Willy unterwegs" trägt. So können alle in der Stadt
sehen, dass Willy unterwegs ist.
Hinter Willy verbirgt sich der 43-jährige Kieler Künstler
Jörg Wentorf, der an der Muthesius-Schule studiert hat und jüngst mit Projekten
bei der Konsumenta und in der Hellen Zelle dabei war. "Willy ist ein Teil
von mir, den ich sonst nicht ausleben kann", sagt Wentorf und Willy
arbeitet aktuell auch noch an anderen Projekten. Zurzeit verschickt er 500
Pakete durch ganz Deutschland, die einen "Willy unterwegs"-Aufkleber
tragen. Was drin ist und zu wem Willys Pakete eigentlich unterwegs sind, will
Willy nicht verraten. "Blaue Post" heißt die Aktion. Man wird von
Willy hören... kru
Abfahrt während der Kieler Woche täglich ab 15 Uhr auf dem
Wilhelmplatz vor dem Sozialamt.
Kieler Nachrichten 26.06.2002
Willy unterwegs
Willy ist weiter unterwegs: Während der Kieler Woche bis
einschließlich Sonntag startet er täglich um 15 Uhr vor dem Sozialamt am
Wilhelmplatz zu seiner Tour zu den Wohn- und Arbeitsstätten Kieler Künstler.
Die Orte künstlerischen Schaffens werden nur "berührt", denn Willy,
hinter dem sich der Kieler Künstler Jörg Wentorf verbirgt, hält nicht an, gibt
während der Fahrt Informationen zu den "aufgesuchten" Künstlern. Kru
Tratschen über das Künstliche
Willy fährt an den Ateliers und Wohnungen Kieler Künstler
vorbei Eine
Reportage
Will die Wirkungsstätten Kieler Künstler in den Mittelpunkt
rücken: Drum
kutschiert Willy (Jörg Wentorf) Interessierte.
Willy sagt die Namen an, es sind viele. "Es wird wohl
länger dauern als eine
Stunde", meint Willy, und ob uns das recht wäre. Ist
es. Einmal mit Willy
unterwegs, spielt Zeit keine Rolle mehr. An der
Wörthstraße/Ecke Metzstraße
wird Willy kurz langsamer. "Das ist mein
Döner-Laden", sagt er, "und ich
habe versprochen ihn auf meiner Tour zu erwähnen." Wir
winken alle aus dem
Bus und drei Männer winken zurück.
Der Südfriedhof ist ein Künstlernest. In der
Bugenhagenstraße wohnt Pipe,
ach da! Ja, in der Wohnung von Martin Wolke, der ist ja
ausgezogen, erzählen
die anderen im Bus. Und Willy meint, dazu sei die Tour ja
auch da, zum
Tratschen. Viele leben und arbeiten hier. Die Gruppe Umtrieb
in der
Lutherstraße auf einem Hinterhof. Umtrieb, das sind
Katharina Jesdinsky und
Ulrich Horstmann, die gemeinsam mit Clemens Austen als Helle
Zelle
firmierten, und sich nun zu zweit ein Atelier mit
Druckwerkstätten
einrichten. Bei Martin Schräder sind wir gerade
vorbeigefahren, der hat ein
Foto ins Fenster geklebt. Willy erzählt eine Geschichte aus
Schönkirchen, wo
Schräder sein Atelier hat. Dort hat er eine Figur
aufgestellt und die Leute
haben sich prompt beschwert, weil der Typ nie grüßte. Konnte
er ja nicht.
Kunst ist eben oft nah dran am Leben.
Das will Willy auch sein und deshalb macht er seine Willy
unterwegs-Tour.
Rumfahren und über Künstler und ihre Arbeitsbedingungen
erzählen. Schon am
Südfriedhof kursieren die Neuigkeiten. Schräder hat eine
Ausstellung im
Lüneburg-Haus. Und hier im Papenkamp auf dem Hinterhof wohnen
Ilka Kollath
und Thomas Karp. Sie zählen zu den bekannteren Künstlern in
der Stadt, sagt
Willy.
Willy hat einen Taxischein und klappt souverän den Spiegel
weg, als es im
schmalen Papenkamp italienisch eng wird.
"Nadelöhr", sagt er, aber schon ist
er durch, ganz sanft, und erzählt, dass beim Neuen
Eisenhenkel in der
Hamburger Chaussee viele Künstler kaufen, die Skulpturen
machen. Am
Waldwiesenkreisel hupt Willy. Er hat Reinhard Brügmann auf
dem Fahrrad
entdeckt, der winkt und wir fahren an seinem Haus vorbei.
Unten ist der
Mädchentreff und "oben wohnt auch Katrin
Schmidbauer", erklärt Willy, Karte
und Katalog im Ordner.
Willys Tour ist noch lange nicht zu Ende. Soll sie auch gar
nicht, denn so
viele Nachrichten aus dem Kieler Kunstkosmos gab es selten
in knapp zwei
Stunden und irgendwie fühlt man sich wie auf einer
Studienreise, nur: diese
Künstler leben noch. In der Arfrade bewundern wir den
schwarzen Jeep (Four
Wheel Drive) von Birthe Ehrich. Kennzeichen King. "Da
passen alle ihre
Bilder rein", sagt Willy. Irgendwann sind wir in
Gaarden, zwischen der
Hellen Zelle und dem Haus der Gruppe K 34 in der Iltisstraße
nehmen wir
spontan zwei mit.
Durch den Kieler Woche Trubel frisst sich Willy geduldig bis
in den Langen
Segen vor. "Da, Künstler", ruft er aus. Jan
Martinsen und Lutz-Rainer Müller
haben gerade Pizza gekauft. Marke "Omega". Die
macht für drei Tage satt. Jan
fragt, ob wir einen Kaffee trinken wollen. Aber Willy winkt
ab. Wir steigen
ja nicht aus, wir fahren nur vorbei. "Also", sagt
Jan , "ich verstehe Wir
sind die Zootiere. Werden wir auch gefüttert, mit Bananen
vielleicht?" Aus
dem gelben Bus hält jemand Jan eine Banane hin. Am
Wilhelmplatz gibt's
Applaus für Willy und sein Konzept. Der Diskurs findet hier
statt.
Maren Kruse
Willy fährt noch täglich bis einschließlich Sonntag. Abfahrt
um 15 Uhr vor
dem Sozialamt am Wilhelmplatz. Die Fahrt ist kostenlos.